Finanzmarkt

Euro-Buchgeld seit dem 1. Januar 1999
Haben Sie zum Jahreswechsel, als Sie gemeinsam mit Ihren Angehörigen und Freunden das neue Jahr mit einem Glas Sekt begrüßt haben, auch bedacht, dass unsere Währung ihren zwanzigjährigen Geburtstag feierte? Nein? Dann mag es für Sie ein Trost sein, dass nicht nur Sie dieses Jubiläum übersehen haben.
Unsere noch sehr junge Währung hat bereits eine sehr bewegte Vergangenheit. Schon ihre Entstehungsgeschichte war überaus bemerkenswert. Die politischen Gegensätze in Europa wurden in den beiden letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts kleiner. Die Staaten Westeuropas entwickelten ein immer engeres Verhältnis zueinander. Diese historisch herausragende Entwicklung führte zum Abschluss des Maastrichter Vertrages, der die Einführung einer gemeinsamen Währung in möglichst allen Ländern der Europäischen Union vorsah. Das Streben nach einem vereinten Europa hatte ein wichtiges Etappenziel erreicht.
Doch auf die Euphorie folgte bald die Ernüchterung. In den Diskussionen über die Frage, wer die zum Teil recht auslegungsfähig formulierten Bedingungen für den Beitritt zur Währungsunion erfüllte, wurden die Grenzen für die Vision eines vereinten Europas sichtbar. Nicht alle Beitrittskandidaten waren bereit, die Erfüllung der Eintrittsvoraussetzungen mit dem nötigen Nachdruck anzustreben.
Schließlich startete die Währungsunion am 1. Januar 1999. Zunächst gab es den Euro nur als Buchgeld, drei Jahre später auch als Bargeld. Der Euro wurde in den meisten Mitgliedsländern geradezu euphorisch begrüßt. Er löste große Hoffnungen auf ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum und eine stabile Währung aus. In Deutschland war die Reaktion zunächst zurückhaltend. Viele Bundesbürger bedauerten die Abschaffung der Deutschen Mark, die in den vorhergehenden Jahrzehnten im Gegensatz zu den Währungen der südlichen Länder Europas eine relative Stabilität erreicht hatte und als Symbol für die positive wirtschaftliche Entwicklung seit dem zweiten Weltkrieg galt.
In Kreisen der Wirtschaftswissenschaftler war die Einheitswährung umstritten. Manche feierten sie als eine große Errungenschaft, die fast zwangsläufig zu einer Vereinheitlichung der wirtschaftlichen Entwicklung und damit letztlich zu einer Wirtschaftsunion führen würde. Andere waren skeptisch, weil sie in einer gemeinsamen Währung in Ländern mit sehr unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen eine Gefahr für die Währungsstabilität sahen. Beide Theorien waren auf Vermutungen angewiesen, weil sie nicht auf Erfahrungen zurückgreifen konnten.
Der Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar nahm zunächst einen enttäuschenden Verlauf. Bis Ende 2000 ging er kontinuierlich zurück. Die in manchen Finanzkreisen geäußerte Hoffnung, der Euro werde den Dollar als weltweit dominierende Währung ablösen, erfüllte sich nicht. Zwar nahm der Euro in den folgenden Jahren gegenüber dem Dollar erheblich an Wert zu, doch das war auf die Schwäche des Dollars aufgrund der Finanzkrise zurückzuführen. Inzwischen ist das Verhältnis zwischen beiden Währungen etwa auf den Stand bei der Einführung des Euro zurückgekehrt.
Ab 2008 erlebten die Länder der Währungsunion eine besonders schwierige Phase. Die Inflationsrate stieg sprunghaft auf 3,3 %, die Wirtschaftsleistung ging erheblich zurück. Die öffentlichen Haushalte einiger Euro-Länder gerieten aus den Fugen. Für sie leisteten die übrigen Länder der Währungsunion Hilfen in dreistelliger Milliardenhöhe. Das bedeutete letztlich eine Vergemeinschaftung von Teilen der Schulden dieser Länder, obwohl der Maastrichter Vertrag ausdrücklich keine Haftung eines Landes für die Schulden anderer Länder vorsieht. Diese Entwicklung wurde häufig dem Euro angelastet. Der Ausdruck „Euro-Krise“ wurde zu Unrecht kreiert, denn nicht der Euro, sondern die Ausuferung der Staatsschulden löste die Krise aus. Dass auch Euro-Länder mit einer soliden Haushaltspolitik in Mitleidenschaft gezogen wurden, ändert an der Ursache der Krise nichts.
Der Euro hat zweifellos erhebliche Vorteile gebracht. Doch nicht alle Hoffnungen haben sich erfüllt. Die erwartete Angleichung der wirtschaftlichen Verhältnisse in den Ländern der Währungsunion ist ausgeblieben. Die Bereitschaft, auf eigene Entscheidungsbefugnisse zugunsten von europäischen Institutionen zu verzichten, ist bei den Beteiligten nicht in einem ausreichenden Maße vorhanden.
Die Einführung des Euro wurde mit großer Begeisterung gefeiert. Sein zwanzigjähriger Geburtstag fand dagegen kaum Beachtung. Diese Punkte symbolisieren deutlich den Gegensatz zwischen der seinerzeit herrschenden Euphorie und der inzwischen eingetretenen Ernüchterung.

Der Wert der Prognosen
Der Jahreswechsel ist ein beliebtes Datum für Prognosen über das künftige Wachstum unserer Wirtschaft. Unser Vertrauen in die Propheten ist groß, besonders wenn sie uns ein erfolgreiches Jahr in Aussicht stellen. Dennoch neigen vorsichtige Personen dazu, die Vorhersagen später auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Sie werden auch in diesem Jahr zu der üblichen Erkenntnis kommen: Ein wesentliches Merkmal von Prognosen ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre die Tatsache, dass sie selten zutreffen.
Das liegt an der schwierigen Aufgabe der Experten: Nicht nur glasklare Fakten, sondern auch Stimmungen beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung. Die Propheten haben somit eine zweistufige Aufgabe: Zunächst müssen sie die zu erwartenden Fakten richtig einschätzen und dann deren Einfluss auf die Stimmungen der Entscheidungsträger korrekt bewerten.
Das Wirtschaftswachstum betrug im vergangenen Jahr nach vorläufigen Ermittlungen 1,5 Prozent. Das ist wesentlich weniger als seriöse Institutionen erwartet hatten. Woran lag’s? War es der Handelskonflikt zwischen den USA und China, waren es die Produktionseinbrüche in der Autoindustrie oder der befürchtete Brexit? Oder lag es an der Grippewelle oder dem Niedrigwasser auf dem Rhein?
Das Ifo-Institut führte die Tabelle der Optimisten im vergangenen Jahr mit 2,6 % an. Aus seiner Fehleinschätzung hat es die notwendige Konsequenz gezogen. Für dieses Jahr sagt es ein Wirtschaftswachstum von nur noch 1,1 % und damit wesentlich weniger als die Bundesbank und das Wirtschaftsministerium voraus.
Die Fehlprognosen können das Image der Propheten nicht beeinträchtigen. Die Experten stellen regelmäßig ihre hervorragenden Kenntnisse unter Beweis, indem sie uns im Nachhinein überzeugend darlegen, aus welchen unvorhersehbaren Gründen ihre Prophezeiungen nicht zutreffen konnten. Vereinfacht dargestellt: Es kommt nicht darauf an, wer die höchste Treffersicherheit erreicht, sondern wer seine Unschuld an den Fehlprognosen am überzeugendsten begründen kann.
Lassen Sie sich deshalb von Fehlprognosen der Wirtschaftsforscher nicht verunsichern. Bedenken Sie, dass sogar Wettervorhersagen manchmal nicht zutreffen.

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