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Emssperrwerk: 15 Jahre sicherer SturmflutschutzEmssperrwerk: 15 Jahre sicherer Sturmflutschutz

Interview mit Armin Heine und Christian Schönfelder vom Sperrwerk in Gandersum

Von Diplom-Ingenieur Peter Pospiech

Moormerland-Gandersum. Vor 15 Jahren wurde das Emssperrwerk in Betrieb genom-men. Seither leistet das Sperrwerk einen verlässlichen und wichtigen Beitrag zum Sturmflutschutz in der Region. Unter dem Motto: „An, auf und unter der Ems – 15 Jahre Betrieb”, soll mit einem Tag der offenen Tür am 9. und 10. Juni 2018 das Jubiläum ge-feiert werden. Das WIRTSCHAFTSECHO sprach mit dem Aufgabenbereichsleiter Armin Heine sowie dem Sperrwerksmeister Christian Schönfelder.

Es handelte sich damals um ein umstrittenes Bauprojekt im neuen Jahrtau-send. Wie lange dauerte der Bau des Emssperrwerks, und ist das nur für die Meyer-Werft gebaut worden?
Das Emssperrwerk ist eines der modernsten Sperrwerke in Europa und seit Sep-tember 2002 in Betrieb. Die Bauzeit betrug fast auf den Tag genau vier Jahre: Bau-beginn 14.09.1998, Inbetriebsetzung 06.09.2002. Der NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) unterhält und be-treibt das Sperrwerk. Es erfüllt dabei zwei Hauptaufgaben: Zu allererst ist es ein si-cherer Sturmflutschutz – das Sperrwerk kehrt Sturmfluten, die mehr als zwei Meter höher auflaufen, als das normale Hochwasser. In der Praxis bedeutet dies: Die Flut kann bei geschlossenen Toren nicht mehr flussaufwärts vordringen. Auf diese Wei-se gewährleistet es einen deutlich höheren Sicherheitsstandard als eine kontinuier-liche Anpassung der rund 110 km langen Hauptdeiche entlang der Unterems. Eine solche wäre, das wissen wir aus Erfahrung, sonst alle 30 bis 40 Jahre erforderlich.

Die Staufunktion des Sperrwerks sichert die Flexibilität des Schifffahrtsweges Ems zwi-schen Papenburg und Emden und damit den Erhalt der Wirtschaftskraft der Region. Das maximale Stauziel von 2,7 m über NHN (Normalhöhennull) gewährleistet eine si-chere Schiffsüberführung mit einem Tiefgang von bis zu 8,5 m. Seit 1980 hat sich die Meyer-Werft in Papenburg auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen spezialisiert. Ohne das Emssperrwerk wären Schiffsüberführungen nur um den Preis einer weiter ausgebag-gerten Ems möglich.

Der Holzmann Konzern war damals Teil der Arbeitsgemeinschaft Emssperrwerk und ist insolvent gegangen. Kennen Sie noch hiesige Firmen, die daran beteiligt waren und die es noch gibt?
Im März 1998 ging nach einer EU-Ausschreibung der Bauauftrag an die Arbeitsgemein-schaft der Firmen Holzmann / Bunte / Müsing und Neumann. Nach der Insolvenz des Ph. Holzmann-Konzerns im April 2002 übernahmen die verbliebenen Firmen den Holzmann-Anteil. Die Firma Müsing gibt es mittlerweile ebenfalls nicht mehr. Die Firmen Bunte und Neumann bestehen nach wie vor.

Wie hoch waren die Baukosten in Millionen DM, und wie viele Besucher schauen sich das Jahrtausend-Bauwerk jedes Jahr an?
Die Baukosten betrugen etwa 438 Millionen DM. Wenn wir nur unsere eigenen Sperrwerksführungen berücksichtigen, kommt man z.B. in 2017 auf rund 6.000 Besucher. Ergänzt wird diese Zahl durch Führungen der Touristik GmbH „Südli-ches Ostfriesland“ sowie unzähliger Reiseveranstalter, die mit großen Gesell-schaften regelmäßig auf eigene Faust das Gandersumer Sperrwerk ansteuern – und natürlich durch tausende Urlauber und Tagesausflügler, die vom Besucher-parkplatz aus einfach mal kurz einen Blick auf das mit seinen 476 Metern ja durchaus imposante Bauwerk erhaschen möchten.

Welche Fragen werden oft gestellt?
Im Prinzip stellen unsere Besucher ähnliche Fragen: es geht um den Zweck des Baus oder die Technik der Anlage mit ihren insgesamt sieben Sperrwerksöffnun-gen. Vielen Besuchern wird erst vor Ort klar, dass ein geöffnetes Sperrwerk bei uns der Regelzustand ist. Es wird nur geschlossen, wenn dies durch eine Sturm-flut oder eine angekündigte Schiffsüberführung notwendig wird. Dabei sind die Randbedingungen eines Staufalls genau festgelegt, um etwa die Gelege im Deichvorland zu schützen.

Die Technik an Bord des Emssperrwerks ist nun rund 15 Jahre alt. Muss hier etwas erneuert werde, und ist die Digitalisierung auch ein Thema für die Mitarbeiter des NLWKN?
Wie bei jedem technischen Betrieb, müssen wir von Zeit zu Zeit vorgeschriebene War-tungsarbeiten durchführen. Unabhängig davon kontrollieren wir täglich während ei-nes Rundgangs sämtliche Anlagenteile. Es ist bei so einer großen Anlage nur natür-lich, dass wir das eine oder andere Element aufgrund von z.B. Verschleiß austau-schen müssen. Ansonsten kann man festhalten, dass wir mit der technischen Anlage immer noch „State-of-the-Art“ sind.
Schon während der Planungsphase war es dabei eine Grundvoraussetzung für den späteren Betrieb des Sperrwerks, dass wir autark sein müssen. D.h.: Unsere gesamte Steuerungsanlage arbeitet vollkommen unabhängig von äußeren Netzwerkverbin-dungen. Beispielsweise können mit Ausnahme des Tores in der Hauptschifffahrtsöff-nung alle anderen Tore stromlos oder mit Energiespeicherversorgung geschlossen werden. Alle Steuerungs- und Überwachungssysteme sind mindestens 2-fach redun-dant ausgelegt. Nur ein einziger unserer Computer ist mit der „Außenwelt“ verbunden.

Vom 9.-10. Juni wird es einen Tag der offenen Tür zum 15-jährigen Jubiläum geben. Welches Rahmenprogramm bieten Sie an, und mit wie vielen Besuchern links und rechts der Ems rechnen Sie?
Mit dem Tag der offenen Tür wollen wir dem Jubiläum dieses für den Sturmflut-schutz wichtigen Bauwerks Rechnung tragen. Das Motto lautet entsprechend: „An, auf und unter der Ems – 15 Jahre Betrieb”. Hierbei wird es um viel mehr als „nur“ um unser Sperrwerk gehen. Dabei bereiten die Gemeinden Moormerland und Jemgum, das Amt für Landesentwicklung, die Geschäftsstelle Masterplan Ems sowie die Tou-ristik GmbH „Südliches Ostfriesland“ und der NLWKN gemeinsam ein vielseitiges und informatives Programm für die Besucher vor.

Herzlichen Dank für das Gespräch

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