InterviewInterview

Vom Ölwerk zum Top-EnergiestandortVom Ölwerk zum Top-Energiestandort

Interview mit dem Oberbürgermeister der Stadt Lingen, Dieter Krone

Von Inge Meyer

Die Stadt Lingen gehörte mit zu den Kommunen in Niedersachsen, die aufgrund der Kraftwerke und der Raffinerie ein großes Gewerbesteueraufkommen bis in die 90er Jahre erhielt. Mit der Energiewende und der Elektromobilität sowie der Digitalisierung ändert sich in der Stadt mit rund 54.000 Einwohnern viel.
In dem folgenden Interview gibt der Oberbürgermeister der Stadt Lingen, Dieter Krone, einen Einblick, wo die Stadt in den nächsten zehn Jahren hin möchte.

Das Kernkraftwerk in Lingen wird im Rahmen der Energiewende bald abgeschaltet.
Wie viele Mitarbeiter waren dort zuletzt tätig, und fokussiert der Konzern RWE nun beispielsweise mehr das Gaskraftwerk anzufahren?

Als eines der letzten Kernkraftwerke in der Bundesrepublik wird das Lingener Kraftwerk im Jahr 2022 abgeschaltet. Zurzeit arbeiten rund 300 Beschäftigte in dem RWE-Kernkraftwerk, und es ist davon auszugehen, dass der Rückbau rund 20 Jahre dauern kann. Deshalb wird die Beschäftigtenzahl dort zunächst in etwa so bleiben.
Das Kernkraftwerk erzeugt 1,4 Megawatt, aber beide Gaskraftwerke in Lingen produzieren rund 1,8 Megawatt Strom. Im Rahmen der von der Bundesregierung beschlossenen Energiewende können wir also mit der Abschaltung des Kernkraftwerkes und Nutzung zweier Gaskraftwerke eine verlässliche Energieversorgung für Industrie- und Haushaltskunden in Lingen anbieten. Die Gaskraftwerke, in denen rund 150 Beschäftige arbeiten, laufen mittlerweile rund um die Uhr.

Wie viele Beschäftigte sind in der Raffinerie tätig ,und wird es dort zum Stellenabbau im Rahmen der Energiewende kommen, da zum Beispiel der Anteil der erneuerbaren Energien zunehmen wird?

Die Stadt Lingen zählt zu einem der bedeutendsten Energiestandorte in Deutschland und das wird auch so bleiben. Das ehemalige Ölwerk gibt es bereits seit den 50er Jahren in Lingen und heute sind bei der BP-Raffinerie rund 750 Beschäftigte tätig. Dazu kommt der bei der Raffinerie angesiedelte Industriepark, in dem sich über ein Dutzend Firmen in den vergangenen zehn Jahren angesiedelt haben. Zudem zählt die auf Pipeline-Technik spezialisierte Rosen-Gruppe ebenfalls aktuell 1.250 Mitarbeiter und wird in nächster Zeit auf 1.500 Mitarbeiter wachsen. Meiner Meinung nach wird es nicht zum Stellenabbau kommen, sondern die Arbeitsplätze werden eher zunehmen. Die BP investiert rund 250 Millionen Euro in den Raffineriestandort in Lingen.

Wann starten diese Baumaßnahmen bei BP und was wird dort gebaut?

Ein Teil dieser Investition für eine ¼ Milliarde Euro ist mit der Großrevision, die nun in den letzten Wochen stattfand, abgeschlossen. Ein anderer Teil ist der Bau eines großen Verwaltungs- und Laborgebäudes mit Maschinenhallen und vielem mehr. Diese Neubauten betragen rund 50 Millionen Euro und der Baustart wird voraussichtlich noch im September sein. Die Raffinerie verfügt über eine eigene Werksfeuerwehr, die in diesem Zuge auch weiter ausgebaut wird.

Und die Erneuerbaren?
Seit Jahren gibt es einen großen Windpark mit ENERCON-Windenergieanlagen (WEA) im Stadtteil Ochsenbruch. Hier kann es durchaus sein, dass die WEA durch Repowering umgerüstet werden. Zudem sind auf vielen städtischen Gebäuden bereits Solaranlagen vorhanden. Und das ganze Rathaus ist erst im letzten Jahr mit einem Blockheizkraftwerk ausgestattet worden, so dass wir als Stadt einen hohen Anteil unserer Energie selbst erzeugen.

Auch die Elektromobilität spielt in Lingen, in der die Einwohnerzahl nach wie vor steigt, eine wichtige Rolle.

Wie setzen Sie bei der Stadt Lingen selber E-Fahrzeuge ein und wie können die Bürgerinnen und Bürger sensibilisiert werden, auf emmissonsfreie Autos oder Räder umzusteigen?

Zum einen haben wir uns Gasfahrzeuge angeschafft, die sehr umweltfreundlich sind. Zum anderen schaffen wir uns jetzt ein Elektrofahrzeug an und es ist geplant, neue E-Schnellladestationen aufzustellen. An zentralen Punkten, beispielsweise am Bahnhof, bei der EmslandArena oder bei den Stadtwerken, sind bereits E-Ladestationen. Mit den drei neuen E-Schnellladestationen können E-Autos innerhalb von 20 Minuten aufgeladen werden. Ich selber fahre mit meinem E-Bike jeden Morgen zum Rathaus und es gibt immer mehr Bürger, die sich ein E-Bike anschaffen. Zudem bietet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Schulungen an und empfiehlt, beispielsweise E-Bikes mit einer Rücktrittsbremse zu kaufen. Hier sind mit dem ADFC und der Stadt Lingen auch schon gemeinsame Aktionen gestartet worden.
Es stimmt, dass in einigen Großstädten zukünftig nur emissionsfreie E-Fahrzeuge zugelassen werden. Da haben wir mit dem Hersteller für Elektroroller, die Firma EMCO in Lingen, einen Standortvorteil. In Kooperation mit EMCO bieten wir beispielsweise bei der Hochschule Lingen Elektroroller zur Nutzung an. Zudem ist EMCO an einem bundesweiten Projekt beteiligt, um als Herstellerfirma Elektroroller in großer Stückzahl in Großstädten, zum Beispiel in Berlin, zu integrieren.

Lingen ist zwar kein Ballungszentrum, jedoch steigt der Feinstaubwert auch in Mittelzentren an.

Wie akzeptabel sind die Werte in der Stadt der Kivelinge und wie wird Lingen touristisch von Radfahrern angenommen?
Feinstaubwerte spielen in der Stadt Lingen keine Rolle, da wir den Verkehr über die Umgehungsstraße aus der Stadt raushalten. Insofern ist kaum Schwerlastverkehr in der Stadt.
Der Emsradweg und die Premium-Fahrradroute Dortmund-Ems zählen zu den besten Radrouten in Deutschland und werden von Radfahrern sehr gut angenommen. Die Route soll auf eine Breite von drei Metern bis Ende 2018/2019 ausgebaut werden. Dann können die Radfahrer von Salzbergen bis nach Papenburg auf der gut 100 km langen Radroute in die Pedale treten.

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