InterviewInterview

Neue Formen des Unternehmertums durch DigitalisierungNeue Formen des Unternehmertums durch Digitalisierung

Interview mit Dr. Stephanie Birkner, Professorin für Unternehmensgründungen

Von Dieter Nannen
Oldenburg. Prof. Dr. Stephanie Birkner (35) ist Juniorprofessor an der Carl von Os-sietzky Universität Oldenburg. Die Hintergründe und Förderoptionen weiblichen Unternehmertums stehen im Fokus ihrer Lehre und Forschung. Zudem ist sie frei-beruflich als Coach für Gründende tätig.

Frau Dr. Birkner, die Zahl der Unternehmensgründungen ist in den letzten Jahren tendenziell rückläufig. Damit sind Sie offensichtlich nicht zufrieden. Weshalb nicht?

Wir sind tatsächlich nicht zufrieden mit den Zahlen. Die Frage ist allerdings, was wir unter Gründung verstehen und was die Statistiken erfassen. Im Bereich des hoch-innovativen High-Tech-Unternehmertums gibt es noch ein deutliches Entwick-lungspotenzial in Deutschland – auch gerade mit Blick auf weibliche Gründungen.
Hat die Risikobereitschaft potenzieller Gründer vielleicht abgenommen, weil sie eine gesicherte Position als Arbeitnehmer haben?

Die Arbeitsmarktlage hat sicher dazu beigetragen, dass die Gründungsbereitschaft insbesondere mit Blick auf Gründungen zur Existenzsicherung zurückgegangen ist. Dafür entwickelt sich ein neuer Trend, das sogenannte Sidepreneurship. Hierbei bleiben die Gründenden in ihrem Beruf angestellt und bauen parallel dazu ihr Un-ternehmen auf, in dem sie sich selbst verwirklichen können.

Wer muss nach Ihrer Auffassung was tun, damit die Zahl der Unternehmensgrün-dungen wieder steigt?

Da gibt es ganz unterschiedliche Ansatzpunkte. Mit Blick auf das Thema Bildung wäre im Wirtschaftsunterricht ein Ansatz gut, der nicht nur lehrt, wie Wirtschaft funk-tioniert, sondern vor allem auch ausprobieren lässt, dass und wie ich ein Unter-nehmertum selber gestalten kann. Im Internet finden Sie dazu unter www.startupteens.de ein Beispiel. Die Politik ist gefragt, Strukturen zu vereinfachen, so dass Förderinstrumente leichter und effektiver auf den individuellen Bedarfe der Gründer ausgerichtet wird. Die Medien sind gefordert, vielfältigere Rollenvorbilder zu liefern.

Wie ist etwa das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Gründungen durch Frauen und Gründungen durch Männer?

Das Verhältnis ist etwa ausgeglichen. Im Moment liegen wir etwa bei 46 % Gründe-rinnen, aber die Frage ist, was sind das für Gründungen. Im High-Tech-Bereich sinkt diese Zahl beispielsweise auf 5 – 6 %. Auch ist die Frage, ab wann eine Grün-dung als „weiblich“ erfasst wird – muss das gesamte Team weiblich sein, mindestens die Hälfte der Entscheidungsträger oder „nur“ die Idee von einer Frau kommen, steht im Raum.

Gibt es auch Unterschiede nach Branchen? Gibt es bestimmte Branchen, in de-nen eher die Damen sich selbstständig machen und solche, wo eher die Männer den Weg in die Selbstständigkeit wählen?

Da zeigen die Statistiken Parallelen zu den Genderunterschieden allgemein in der Berufswahl. Es bildet sich aber auch ein Trend heraus, dass im Zuge der Entwick-lung neuer Branchencluster, wie beispielsweise in der Elektromobilität, weibliches Unternehmertum abseits von etablierten patriarchischen Strukturen sich erfolgreich etabliert und wächst.

Nun ist ja nicht jede Unternehmensgründung ein Erfolg. Was sind nach Ihren Be-obachtungen die häufigsten Gründe für ein Scheitern?

Wir haben leider in Deutschland eine nicht wirklich förderliche Fehlerkultur. Ein Fehler wird sofort als Scheitern gesehen und nicht als etwas, aus dem ich lernen und dann den nächsten Schritt tun kann. Gründungsintentionen werden so leider teilweise schon im Kern erstickt, der Gründungsabbruch leider recht früh gewählt.

Gibt es Fälle, von denen Sie von der gewünschten Unternehmensgründung abra-ten und – wenn ja – aus welchen Gründen?

Abgeraten von der Gründung habe ich noch nie. Ich versuche eher, einen Weg aufzuzeigen, wie die an einer Gründung interessierten Personen vielleicht anders denken könnten. Vielleicht indem sie sich ein Netzwerk suchen, um sich erst ein-mal ausprobieren zu können oder sich mit strategischen Partnern zusammentun und somit auch nur einen Teil der Gründungsidee Schritt für Schritt umsetzen.

Ist Ihre Beratung mit dem formalen Gründungsakt abgeschlossen oder begleiten Sie die Gründer auch noch eine weitere Zeit lang auf ihrem Weg?

Was ich im Kontext von Gründungsberatung mache, ist mehr eine Form von Coaching und Mentoring. Für die klassische Gründungsberatung braucht es Fach-experten wie Steuerberater, Notare, Branchenkenner. Das, was ich mache, ist mehr eine persönliche Begleitung: Mut zusprechen, Türen öffnen, Netzwerke aufbauen oder auch einfach noch mal kritisch die Gründungsidee hinterfragen. Diese Aufga-ben haben keinen formalen Anfang und kein formales Ende.

Wie wird sich die Zahl der Unternehmensgründungen in den nächsten Jahren entwickeln?

Ich hoffe positiv nach oben. Das hängt allerdings wieder davon ab, was als Grün-dung verstanden wird. Im Zuge der digitalen Transformation entstehen beispiels-weise neue Formen des Unternehmertums. Wenn ich auch diese mit berücksichti-ge, dann steigt die Zahl der Gründungen allgemein.

Wirtschaftsecho - Inge Meyer e.K. - Quade-Foelke-Straße 6 - 26802 Moormerland
Tel.: 04954 - 8936-0 Fax: 04954 - 8936-29