KommentarKommentar

Einzelhandel – eine Standortfrage?

Von Dr. Sabine Winter

Gleich fünf Einzelhändler in Wittmunds Innenstadt entschlossen sich dazu, ihre Geschäfte zu schließen (Anzeiger für Harlingerland vom 4.11.2017). Als Gründe hierfür gaben sie eine zu geringe Nachfrage und einen zunehmenden Internetboom an.

Als Gründe für das Veröden der Innenstädte sieht der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands in Ostfriesland, Johann Doden, Fehlentwicklungen in der Städteplanung wie das Ausweiten der „grünen Wiese“ sowie den Onlinehandel. Der Wittmund Bürgermeister Rolf Claußen ist der Ansicht, dass die Stadt keinen Einfluss auf das Angebot des Einzelhandels habe, sondern nur bei der Vermittlung von Nachfolgern behilflich sein könne. Einige Einzelhändler Wittmunds setzen neben dem stationären Handel verstärkt auf den Online-Handel. Eine Idee ist, ein eigenes Online-Portal speziell für Wittmunds Geschäfte zu entwickeln.

Wittmund ist nur ein Beispiel von vielen. Der Handelsverband Deutschland geht von einem Verlust von 50.000 Geschäften in den nächsten Jahren aus und warnt schon länger vor sinkenden Käuferzahlen und einer Verödung der Innenstädte. Die PwC-Strategieberatung hält den Rückgang von 25 bis 30 Prozent der Verkaufsflächen in den nächsten Jahren für sehr wahrscheinlich. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sieht den Einzelhandel seit Jahrzehnten im Strukturwandel. Der Strukturwandel schlägt sich je nach Größe und Funktion unterschiedlich stark im Raum nieder, je nachdem, ob es sich um Metropolen, Großstädte oder Klein- und Mittelstädte handelt. Das starke Wachstum des Online-Handels sei ein Trendverstärker und nicht Auslöser für die Probleme des stationären Handels. Neben den Standorten Innenstadt und grüner Wiese gibt es beim Online-Handel den virtuellen Standort.

Eine Reihe bislang „reiner“ Online-Händler, wie zum Beispiel der Versandhandel amazon, plant stationäre Geschäfte. Der stationäre Handel erprobt seit geraumer Zeit Online-Konzepte. Nach Meinung vieler Experten liegt die Zukunft in einer intelligenten Verknüpfung von Online- und Offline-Handel – dem Multichannel-Handel. Doch die stationären Händler haben beim Online-Handel mit Problemen zu kämpfen. Die meisten kleineren Händler können die Kosten eines professionellen Marktauftritts nicht tragen und unterschätzen häufig die Komplexität des Online-Handels. Sie können jedoch versuchen, den Online-Vertrieb über bekannte Plattformen wie Amazon oder eBay abzuwickeln und sich zu diesem Zweck an speziell für den Einzelhandel geschaffene „Fulfillment“-Plattformen von Versanddienstleistern wenden oder entstehende Online-Stadtportale nutzen.

Eine weitere Gefahr kann darin bestehen, dass Händler die Loyalität ihrer Kunden überschätzen. Online-Kunden sind in der Regel nicht treu: Sie suchen immer wieder nach neuen Anbietern mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Eine intensive Kundenbindung an die stationären Händler kann hier entgegenwirken.

Städte und Gemeinden sind herausgefordert, die Rahmenbedingungen für attraktive Innenstädte gemeinsam mit dem Einzelhandel zum Gemeinwohl zu gestalten. Der öffentliche Raum sollte ansprechend gestaltet, sinnvolle Einzelhandelskonzepte erarbeitet und umgesetzt und Online-Stadtportale entwickelt werden. Für den stationären Einzelhandel ist eine intensive Kundenbindung von zentraler Bedeutung. Dann hat der klassische Einzelhandel eine Zukunft, trotz des angestiegenen Online-Handels von über 90 Prozent am Gesamtumsatz.

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