Finanzmarkt

Schafft Schweden das Bargeld ab?

„Bargeld lacht“, sagt der Volksmund. Doch in Schweden soll dem Bargeld das Lachen vergehen. Das Land hat in Europa eine Vorreiterrolle bei der Verbreitung der bargeldlosen Zahlung übernommen. Was uns unvorstellbar erscheint, kann in Schweden möglich wer-den: Die völlige Abschaffung des Bargeldes.

Vier von fünf aller Zahlungen werden in Schweden bargeldlos geleistet. Im Einzelhan-del werden sogar 95 % der Umsätze unbar abgewickelt. Anders als bei uns ist die Form der Zahlung nicht von ihrer Höhe abhängig. Selbst wer beim Bäcker nur zwei Brötchen kauft oder in einem Restaurant eine Tasse Kaffee trinkt, zahlt in der Regel bargeldlos. Sogar am Kiosk, an der Würstchenbude und auf dem Flohmarkt wird unbar gezahlt, auch die Ge-bühr für die Nutzung einer öffentlichen Toilette wird mit Hilfe einer Karte oder des Smart-phones beglichen. In den Kirchen ist der Klingelbeutel durch ein Kartenlesegerät ersetzt worden. Dem bettelnden Obdachlosen und dem Straßenmusiker können die Bürger eine kleine Spende geben, indem sie ihre Karte in das mobile Kartenlesegerät stecken, das die Spendenempfänger selbstverständlich immer griffbereit haben. Auch die Fahrkarte für die Busfahrt wird üblicherweise bargeldlos bezahlt.

Über den Rückgang des Bargeldverkehrs gibt es eine interessante Statistik. Der Anteil der Bürger, die ihre letzte Zahlung in bar geleistet haben, ist von 39 % in 2010 auf 13 % in 2018 zurückgegangen. 40 % der schwedischen Bürger haben in einer Befragung erklärt, dass sie im Vormonat überhaupt keine Barzahlung geleistet haben. Der Wert des umlau-fenden Bargeldes ist seit 2007 um deutlich mehr als die Hälfte zurückgegangen.

In den Schaufenstern zahlreicher Läden hängen Schilder mit dem Hinweis, dass Zah-lungen nur unbar geleistet werden können. Die Supermärkte nehmen in der Regel pro Einkauf maximal 500 schwedische Kronen entgegen, das sind etwa 50 Euro.

Die Banken haben sich längst auf die veränderten Zahlungsgewohnheiten eingestellt und sie sogar gefördert. Sie haben inzwischen viele Geldautomaten abgebaut. Zwischen 2010 und 2018 hat etwa die Hälfte der Bankfilialen den Bargeldverkehr eingestellt. Dort können die Bankkunden weder Bargeld abheben noch einzahlen. Die schwedischen Großbanken SEB und Nordea sind Vorreiter bei der Anpassung an die veränderten Trends im Zahlungsverkehr. In Stockholm gibt es 20 SEB-Niederlassungen. Nur zwei von ihnen halten Bargeld vor. Nordea bietet nur noch in einem Drittel ihrer 256 Filialen einen Bargeldservice.

Die Banken sind sehr an einem weiteren Ausbau des bargeldlosen Zahlungsverkehrs interessiert, weil er für sie deutlich kostengünstiger als der Bargeldverkehr ist. Bargeld-schalter vorhalten, Bargeld zählen, bündeln und aufbewahren, Münzen rollen und die Geldautomaten bestücken verursacht hohe Kosten.

Die Schweden haben zahlreiche Vorteile der bargeldlosen Zahlung entdeckt: Sie müs-sen beim Verlassen des Hauses nicht prüfen, ob sie genügend Bargeld in der Tasche ha-ben. Es reicht, die für die Zahlung geeignete Karte zu haben. Geht sie verloren, kann sie sofort gesperrt werden. Verlorenes Bargeld ist dagegen in der Regel endgültig verschwun-den. Auch für die Empfänger der Zahlung hat die bargeldlose Zahlung Vorteile: Im Ge-gensatz zum Bargeld kann die bargeldlose Einnahme nicht gestohlen werden.

Auch die Polizei sieht den Rückgang des Bargeldumlaufs positiv, weil die Gefahr von kriminellen Übergriffen zurückgeht. Überfälle auf Banken und Supermärkte lohnen sich allmählich nicht mehr. Die Zahl der Banküberfälle ist in Schweden drastisch zurückge-gangen. 2007 gab es noch 110 Überfälle, 2017 nur noch 5! Es wird weniger Straftaten geben, die durch die Anonymität der Barzahlungen gedeckt werden. Besonders die Zahl der Bestechungen und der Steuerhinterziehungen wird zurückgehen, wenn die Zah-lungsvorgänge rekonstruierbar sind. Selbst die Mediziner sehen in dem erheblichen Rückgang des Barzahlungsverkehrs einen Nutzen für die Bürger: Es gibt weniger Krank-heiten, weil die Zahl der Geldscheine und Münzen abnimmt, die üblicherweise voller Bak-terien stecken.

Doch allmählich verbreiten sich in Schweden Bedenken gegen eine weitere Ein-schränkung des Bargeldverkehrs. Dafür gibt es mehrere Gründe. Unter anderem befürch-ten die Verantwortlichen, dass sich durch einen Ausfall oder auch schon durch eine Be-einträchtigung der technischen Einrichtungen schwere Probleme für die Finanzwelt erge-ben können. Schon ein Stromausfall kann zu einer schwerwiegenden Einschränkung des Zahlungsverkehrs führen.
Auch in der Bevölkerung ist eine Fortsetzung des Trends zur Reduzierung des Bar-geldverkehrs nicht unumstritten. Besonders ältere Personen möchten nicht gern auf das Bargeld verzichten.

Die Psychologen sehen ein Problem für besonders willensschwache Bürger. Bei ihnen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Geld für unnütze Dinge ausgegeben, wenn sie ausschließlich unbar zahlen und somit kein Schwinden des Geldes in ihrem Portemon-naie wahrnehmen. Vielleicht werden die Techniker dieses Problem lösen können, indem sie die Möglichkeit schaffen, die Höhe der Ausgaben pro Tag zu beschränken oder die Überschreitung der Grenze an bestimmte Bedingungen zu koppeln oder auch nur eine warnende Anzeige für den Zahlenden ermöglichen.
Der Trend zur bargeldlosen Zahlung kann für einen Anhänger der Bargeldzahlungen einen unangenehmen Effekt bekommen: An der Supermarktkasse wird die Kassiererin ihn mit Verachtung strafen, weil sie vermutet, die Bank habe seine Karte gesperrt, weil er sein Konto ständig überzieht.

Wird sich der Trend zur Reduzierung des Bargeldverkehrs fortsetzen? Laut einer Um-frage der schwedischen Notenbank haben sieben von zehn Personen keine Bedenken gegen die Abschaffung des Bargeldes. Eine weitere Umfrage hat ergeben, dass die Hälfte der Einzelhändler davon ausgeht, dass sie ab 2025 keine Bargeldzahlungen mehr akzep-tieren werden. Viele Experten sind der Meinung, dass es ab 2030 kein Bargeld mehr ge-ben wird. Manche erwarten sogar, dass das Bargeld früher abgeschafft wird.

Doch in der Politik wird der Trend zur Reduzierung des Bargeldverkehrs allmählich mit Sorge betrachtet. Sie fürchtet, dass bestimmte Randgruppen der Bevölkerung darunter erheblich leiden werden, weil sie mit der Handhabung der technischen Zahlungsgeräte Probleme haben. Deshalb hat ein Ausschuss des schwedischen Parlaments vorgeschla-gen, zumindest die großen Banken zu verpflichten, Bargeld vorrätig zu halten.

Noch ist nicht abzusehen, ob sich die Prognosen über die völlige Abschaffung des Bargeldes erfüllen werden. Die Regierung und die Notenbank in Schweden haben aktuell nicht die Absicht, das Bargeld abzuschaffen. Doch der Trend zur bargeldlosen Zahlung wird weitergehen. „Nur Bares ist Wahres“ lautet eine alte Weisheit bei uns. Die Schweden werden bald sagen: „Nur Digitales ist Wahres.“

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