Interview mit Martin Groß-Albenhausen über den Online-Handel

Brake. Nicht mehr Einzelhandel mit Onlineshop, sondern Onlinehandel mit Filiale – das ist der so genannte Tipping Point, der nach Auffassung von Martin Groß-Albenhausen inzwischen erreicht ist. Das WIRTSCHAFTSECHO sprach mit dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel (bevh) über Bilanz und Ausblick, Trends, Ladensterben und Fallstricke beim Einstieg in den Online-Handel.

Wenn Sie auf das erste Corona-Jahr 2020 zurückblicken, werden Sie vermutlich im Gegensatz zu vielen anderen Branchenvertretern einen Grund zur Freude haben. Oder irre ich mich da?

Ja, wir sind sehr zufrieden. Nach einem schwachen 1. Quartal im Zeichen eines veritablen Corona-Schocks hat der E-Commerce am Ende noch um 14,6 Prozent im Vergleich zu 2019 zugelegt. Gerade das 4. Quartal mit dem zweiten Lockdown hat mit einem Plus von annähernd 24 Prozent einen enormen Sprung gebracht. Am stärksten sind dabei übrigens die Sortimente gewachsen, die jederzeit auch stationär erhältlich waren: Medikamente, Lebensmittel und Kosmetika. Der gesamte Online-Umsatz der Warengruppe „täglicher Bedarf“ kletterte 2020 auf 6,89 Milliarden Euro brutto. Das ist ein Zuwachs von 40,9 Prozent.

Der Brutto-Umsatz mit Waren im E-Commerce ist im vergangenen Jahr von 72,6 Milliarden Euro auf 83,3 Milliarden Euro gestiegen. Mehr als jeder achte Euro der Haushaltsausgaben für Waren landete im E-Commerce. Fast jeder zweite im E-Commerce umgesetzte Euro wurde auf Onlinemarktplätzen und Plattformen getätigt. Hinter dem mit mehr als 20 Prozent besonders ausgeprägtem Wachstum dieser Kategorie verbirgt sich ein Zuwachs an kleinen und großen Händlern, die über diese belastbare Infrastruktur erstmals im E-Commerce aktiv geworden sind.

Mit welchen Zahlen kalkulieren Sie für 2021?

Wir nehmen an, dass wir einen großen Teil der Corona-bedingten zusätzlichen Nachfrage halten können. Auch, wenn die Geschäfte wieder öffnen. Dämpfend könnten die wirtschaftlichen Nachwirkungen der Pandemie ausfallen. Wir gehen von einem Umsatz-Wachstum bei Waren im E-Commerce von 12,5 Prozent für das Jahr 2021 aus. Mit den online verkauften Waren und Dienstleistungen wird sicher die Grenze von 100 Milliarden Euro brutto überspringen werden.

Das ist ja eine beeindruckende „Hausnummer“. Welche Trends werden den Online-Handel Ihrer Einschätzung nach zukünftig prägen?

Also, wir sehen, dass Normalität nicht heißt, Umsätze in den stationären Handel zurückzubringen. Vier von zehn Onlinekundinnen und -kunden kaufen inzwischen mehr als einmal pro Woche im Distanzhandel. Drei von vier Käufern werden auch künftig mindestens so viel online kaufen wollen wie im ersten Corona-Jahr 2020. Vor einem Jahr äußerte nur gut jeder zweite Kunde diese Absicht. Für den Handel bedeutet dies, dass ein so genannter Tipping-Point erreicht ist: Nicht mehr Einzelhandel mit Onlineshop, sondern Onlinehandel mit Filiale. E-Commerce-Prozesse werden den Handel prägen, auch wenn dieser noch stationäre Berührungspunkte bieten wird. Social Networks Messenger werden zu Shopping-Plattformen und zur Infrastruktur: Auch smarte Assistenten werden sicherlich verstärkt in Zukunft genutzt werden.

Oft wird in der öffentlichen Debatte ein Zusammenhang zwischen dem Online-Handel und der Krise der klassisch-stationären Geschäfte hergestellt…

Es ist ein Märchen, dass Onlinehandel und Innenstadt sich ausschließen. Viel mehr bietet der Onlinehandel durch die Möglichkeit, auch Kunden jenseits der Stadt- oder Bezirksgrenze zu erreichen, eine sehr gute Möglichkeit, rückläufige Frequenz auszugleichen. Online-Marktplätze und Plattformen sind ein denkbar einfacher Weg, wenn man auch ohne den Aufwand eines eigenen Shops am E-Commerce-Wachstum teilhaben will.

E-Commerce und seine Prozesse sind künftig die Grundlage, von der aus der Einkauf begonnen wird. Die Innenstädte und der dortige Einzelhandel benötigen dieses digitale Fundament, damit sie mit ihren stationären Angeboten der Kundschaft noch Mehrwerte bieten können.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Fallstricke für Unternehmer?

Dass sie es nicht richtig wollen. Dass sie denken, ein Onlinegeschäft baut man mal so nebenbei auf: Online geht nicht nebenbei. Einer der größten Fallstricke könnte sein, dass sie sich keine Experten ins Haus holen und es gemeinsam erarbeiten. Wer einen richtig guten eigenen Shop aufbauen möchte, muss einen mittleren bis höheren fünfstelligen Betrag investieren. Es müssen Agenturen beauftragt werden, die das Layout und die Struktur des Shops anpassen und betreuen sowie Spezialisten, die sich laufend um die Suchmaschinen-Optimierung kümmern. Dazu kommen danach laufende Ausgaben für Marketing, um überhaupt Käufer auf die Website zu bekommen. Normale Betriebskosten für Personal, Lager sowie Retourenbearbeitung usw. fallen selbstverständlich auch an. Daher gilt: Wer sich nicht wirklich damit beschäftigt, wird auch keinen Erfolg haben.