Kategorie: Finanzmarkt

Wie viel Bargeld haben Sie?

Die Deutsche Bundesbank berichtet regelmäßig über ihre umfangreichen Untersuchungen und Umfragen zu verschiedenen Bereichen der Finanzwirtschaft. Sie sind von unterschiedlicher Bedeutung für grundlegende Entscheidungen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Manche sind für die Leser interessant, weil sie eine Einordnung der eigenen Verhältnisse in die der Allgemeinheit ermöglichen. Zu dieser Kategorie gehört sicherlich die neueste Veröffentlichung, die sich mit den von Privatpersonen gebildeten Rücklagen in Form von Bargeld befasst.

Die Ergebnisse dieser Umfrage sind mit Zurückhaltung zu beurteilen. Im Gegensatz zu Meinungsumfragen beziehen sich die meisten Fragen auf Tatsachen, deren Antworten die Bundesbank nicht auf Richtigkeit überprüfen kann. Die Erfahrung lehrt, dass nicht alle Personen uneingeschränkt bereit sind, über Einzelheiten ihrer Finanzen Auskunft zu erteilen. Die Bundesbank ist sich dieses Risikos durchaus bewusst. Sie schreibt in ihrem Untersuchungsbericht: „Aufgrund der äußerst sensiblen Themen bestand die zentrale Herausforderung darin, eine repräsentative Stichprobe mit wahrheitsgemäßen  Antworten zu erlangen.“ Die Bundesbank hat deshalb zur Reduzierung des Risikos zum Teil anonyme Formen für die Beantwortung ihrer Fragen angeboten. Doch selbst sie stellen noch keine Garantie für die Korrektheit der Antworten dar.

Seit Einführung des Euro-Bargeldes zu Beginn des Jahres 2002 hat die Bundesbank 780 Milliarden Euro Bargeld in Umlauf gebracht. Wieviel davon im Inland von Privatpersonen als Rücklagen verwandt wird, kann nur grob geschätzt werden. Aus der Differenz zwischen dem gesamten von der Bundesbank ausgegebenen Bargeld und dem für den inländischen Zahlungsverkehr genutzten Geld ergibt sich noch kein zuverlässiger Annahmewert, weil der grenzüberschreitende Bargeldverkehr nicht berücksichtigt werden kann.

Die jetzt vorgelegte Untersuchung zeigt, welche Bedeutung eine Bargeld-Rücklage in den Bereichen Lebensalter, Bildung, berufliche Tätigkeit, Einkommensgruppen und regionale Zugehörigkeit der Befragten hat. Für diese Untersuchung wurden etwa 2000 Personen befragt, deren wirtschaftliche und soziale Struktur repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist.

Die Auswertung der Daten ergab, dass die befragten Bürger im Durchschnitt 1.364 Euro Bargeld als Rücklage aufbewahren, während sie für die regelmäßig anstehenden Einkäufe und Dienstleistungen lediglich 107 Euro in ihrem Portemonnaie haben. Die Höhe der Bargeld-Rücklage ist sehr unterschiedlich. 22 % der befragten Personen haben keine Bargeld-Rücklage, 50 % besaßen 200 oder weniger Euro, weitere 23 % hatten Beträge zwischen 200 und 500 Euro und 5 % mehr als 5.000 Euro zurückgelegt. Rekordhalter bei der Befragung war eine Person, die angeblich etwa 100.000 Euro in bar aufbewahrt.

Große Unterschiede ergaben sich bei den Angaben der Angehörigen bestimmter Personengruppen. Manche Unterschiede erscheinen plausibel, andere sind kaum logisch zu erklären. Die durchschnittliche Bargeldreserve betrug bei den unter 25 Jahre alten Personen nur 335 Euro. Sie stieg bis zur Altersgruppe der 55- bis 65-jährigen Personen auf 2.293 Euro und nahm dann bei den über 65 Jahre alten Personen auf 2.072 Euro ab. Personen mit einem Haupt- oder Realschulabschluss verfügten nach ihren Angaben über höhere Bargeld-Reserven als Abiturienten.

Erwerbstätige Personen hatten Barreserven von 1.275 Euro. Sie wurden von den Ruheständlern deutlich übertroffen, die über Barreserven von 1.930 Euro verfügen. Arbeitslose hatten Rücklagen von 591 Euro und Auszubildende von 234 Euro. Erhebliche Unterschiede gab es auch aufgrund der beruflichen Stellung. Die höchsten baren Rücklagen hatten die Selbstständigen und Freiberufler mit 2.129 Euro, gefolgt von den Arbeitern mit 1.898 Euro und den Angestellten mit 1.043 Euro. Die Beamten verfügten nach ihren Angaben nur über Bargeld-Rücklagen von 543 Euro. Haushalte mit einem Netto-Einkommen bis 1.000 Euro hatten Bargeld-Reserven von 627 Euro, Haushalte mit einem Einkommen von 4.000 Euro und mehr von 2.635 Euro.

Eine merkwürdige Differenz ergab sich bei der Herkunft der Befragten. Die Westdeutschen hatten im Durchschnitt eine Bargeldreserve von 1.130 Euro, die Ostdeutschen dagegen von 2.281 Euro. Auch bei den Geschlechtern hat die Bundesbank einen Unterschied bei den Bargeld-Reserven festgestellt. Frauen hatten im Schnitt eine Bargeld-Reserve von 1.256 Euro, Männer sogar von 1.476 Euro.

Die interviewten Personen, die Bargeld zurückgelegt hatten, wurden befragt, welche Gründe andere Bürger zur Aufbewahrung von Bargeld veranlassen würden. Die Bundesbank hat unterstellt, dass die Befragten bei ihren Vermutungen eigene Auffassungen und Handlungen als allgemein gültig ansehen würden. 58 % der Befragten vermuteten als Grund, dass es für Bankguthaben kaum noch Zinsen gibt. 55 % hielten die Barzahlung nach wie vor als das gängigste Zahlungsmittel. 41 % nannten als Motiv, dass man Bargeld immer nutzen kann, während bargeldlose Zahlungen durch technische Probleme ausgeschlossen sein könnten. Als weitere mögliche Gründe nannten die Befragten die Anonymität und die Gebührenfreiheit der Bargeldzahlungen und den Schutz vor Bankpleiten. Nur 12 % der Befragten vermuteten als Motiv für die Bargeld-Aufbewahrung die Vermeidung oder Reduzierung von Steuerzahlungen. Bemerkenswerterweise wurde in dieser Umfrage die Bargeldaufbewahrung kaum als Absicherungsmaßnahme für unvorhergesehene Notfälle betrachtet.

Auch wenn bei manchen Personengruppen die Bargeldhaltung erstaunlich groß ist, spielt sie innerhalb der Vermögensgestaltung nur eine untergeordnete Rolle. Das gesamte Geldvermögen der privaten Haushalte betrug im Jahr 2018 6.023 Milliarden Euro. Davon entfiel auf das Bargeld nur ein geschätzter Anteil von 3,8 %.

Die Bargeldzahlungen haben durch die Schaffung moderner bargeldloser Zahlungsmöglichkeiten an Bedeutung verloren. Auf die Höhe der baren Rücklagen hat diese Entwicklung kaum Einfluss gehabt.

Die Bundesbank ist sich über die Zurückhaltung der befragten Personen bei einer korrekten Beantwortung der Fragen nach der Höhe der Rücklagen und den Motiven für ihre Bildung im Klaren. Sie geht davon aus, dass trotz der bei der Befragung angewandten vertrauensbildenden Maßnahmen von einer umfragetypischen unkorrekten Erfassung mancher Zahlen auszugehen ist. Sie schreibt dazu: „Neben dem bewussten Verschweigen ist auch das Vergessen bestimmter Beträge möglich.“ Zum Zeitpunkt der Umfrage lebten in der Bundesrepublik etwa 69,3 Millionen volljährige Personen. Hochgerechnet aus den Angaben der repräsentativ ausgewählten Personen ergibt sich eine Bargeld-Rücklage aller volljährigen Personen von ca. 94 Milliarden Euro. Dazu passt ein Kalauer der Statistiker: Es können mehr, es können aber auch weniger sein!

Schaffen wir die kleinen Münzen ab?

Bargeld lacht! – Doch gilt das noch uneingeschränkt? Vielleicht wird den Ein- und Zwei-Cent-Münzen das Lachen bald vergehen. In jüngster Zeit werden Überlegungen über ihre Zukunft angestellt. Benötigen wir sie noch oder sollten wir besser auf sie verzichten? Die EU-Kommission hat schon 2013 wegen der gestiegenen Herstellungskosten eine Abschaffung der kleinen Münzen ins Gespräch gebracht. Sie kann allerdings nur durch eine für alle Euro-Länder einheitliche Entscheidung erfolgen. Deshalb ist der Vorschlag bisher nicht realisiert worden. Ein einheitliches Vorgehen aller Euro-Länder in dieser Frage ist derzeit nicht erkennbar.

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